Tag 6 beginnt früh. Zu früh für mich (heute Iris). Um 6:30 Uhr sitzen wir bereits beim Frühstück und stärken uns für die rund fünfstündige Fahrt von Manyara in die Serengeti. Dass wir heute einen großen Teil des Tages im Auto verbringen werden, wissen wir da zwar schon – was uns erwartet, allerdings noch nicht.
Auf dem Weg passieren wir den Ngorongoro-Nationalpark und werfen einen Blick in den gewaltigen Krater. Allein dieser Anblick wäre schon eine Reise wert. Doch kaum geht es weiter, verändert sich die Landschaft erneut. Immer häufiger sehen wir Massai mit ihren riesigen Rinder- und Ziegenherden und die kleinen Dörfer, die wie selbstverständlich Teil dieser endlosen Weite sind. Bei einer kurzen Pause begegnen wir einer Massaimutter mit ihren zwei Kindern. Da wir täglich deutlich mehr Essen bekommen, als wir überhaupt verzehren können, geben wir ihnen einen Teil unserer Ration. Es ist nur eine kleine Geste, fühlt sich aber trotzdem richtig an.
Unser Guide erzählt uns später, dass die Massai immer weiter aus den Nationalparks verdrängt werden und sich dort inzwischen nur noch maximal drei Monate aufhalten dürfen. Ich frage mich, warum Menschen, die seit Generationen im Einklang mit der Natur leben, weder den Tieren noch der Umwelt schaden und eigentlich genau das tun, was heute jeder Nachhaltigkeitsratgeber predigt, nicht einfach dort leben dürfen, wo sie zu Hause sind. Manchmal wirken moderne Lösungen erstaunlich kompliziert.
Kurz nachdem wir die Grenze zur Serengeti überqueren, öffnet sich vor uns eine Landschaft, die kaum enden will. Kilometer um Kilometer Savanne, nur vereinzelt kleine Büsche und weit und breit kein Baum, der ernsthaft Schatten spendet. Das Zweite, was uns sofort auffällt: Die Giraffen sehen irgendwie anders aus. Sie sind dunkler gefärbt und ihre Fellzeichnung unterscheidet sich deutlich von den Giraffen, die wir bisher gesehen haben. Elegant wie immer ziehen sie mit stoischer Gelassenheit durch die Ebene, als hätten sie alle Zeit der Welt. Vermutlich haben sie die auch.
Nach einer längeren Pirschfahrt entdecken wir schließlich Löwen. Oder besser gesagt: Unser Guide entdeckt sie. Für uns sehen die ersten Minuten nur nach Gras aus. Sehr viel Gras. Erst nach und nach erkennen wir die perfekt getarnten Großkatzen. Die Jungen haben immerhin noch den Vorteil, dass ihnen das hohe Gras ein wenig Schatten spendet. Trotz der zahlreichen Safari-Fahrzeuge, die sie beinahe im Kreis umstellen, bleiben sie beeindruckend gelassen. Wahrscheinlich denken sie sich ihren Teil über die zweibeinigen Wesen mit den Kameras. Nur wenig später wartet schon das nächste Highlight. Unter einem der wenigen Bäume liegt ein Gepard gemütlich im Schatten und genießt offensichtlich seinen freien Nachmittag. Für Sprintrekorde scheint es schlicht zu warm zu sein. 2 Junge verlassen ihre Deckung im hohen Gras. Neugierig schauen sie sich um.



Als wäre das nicht genug, entdecken wir schließlich sogar eine Python. Sie hat sich ebenfalls einen der seltenen Bäume ausgesucht – allerdings nicht wegen des Schattens. Zwischen den Ästen befinden sich zahlreiche Vogelnester. Das Buffet ist eröffnet – clever gelöst.

Nach einem langen Tag erreichen wir schließlich unser Camp (Kiriche). Wie überall in Tansania werden wir unglaublich herzlich empfangen. Unser luxuriöses Zeltlager liegt auf einer Anhöhe mit Blick auf eine Flussbiegung – traumhaft schön. Fast schon zu schön.



Dann folgt die Einweisung. Es sei übrigens völlig normal, dass Löwen, Elefanten und Wasserbüffel durchs Camp spazieren. Wir sollen uns deshalb keine Sorgen machen. Beruhigend. Wirklich. Außerdem dürfen wir uns nach Einbruch der Dunkelheit nur noch in Begleitung eines Massai zwischen den Zelten bewegen. Kaum haben wir unser Zelt bezogen, höre ich auch schon Löwen und Elefanten aus erstaunlich geringer Entfernung. Die Information aus der Einweisung bekommt dadurch plötzlich eine ganz neue Glaubwürdigkeit.
Nach einer Dusche und einer gefühlten Badewanne voller DEET machen wir uns in der Dämmerung auf den Weg zum Hauptzelt. Dort genießen wir einen spektakulären Sonnenuntergang und ein milch- und kartoffelfreies Buffet, das jede Gefahr des Verhungerns endgültig beseitigt. Rein wissenschaftlich muss natürlich alles probiert werden. Der tansanische Rotwein trägt zwar das Etikett „trocken“, schmeckt aber eher wie Portwein. Überraschungen gibt es eben nicht nur bei den Tieren.
Gut gesättigt begleitet uns ein Massai zurück zu unserem Zelt. Ich halte tapfer Smalltalk, hauptsächlich um mich von dem Gedanken abzulenken, dass sich Löwen im hohen Gras hervorragend verstecken können. Unser Begleiter leuchtet mit seiner Taschenlampe aufmerksam ins Gras neben dem Weg. Dann passiert es. Keine fünf Meter entfernt ertönt plötzlich ein tiefes, raues Brummen. So nah, dass ich kurz überlege, ob der Löwe vielleicht ebenfalls am Smalltalk teilnehmen möchte. Helmut und der Massai deuten mir sofort, leise zu sein. Je weniger Geräusche wir machen, desto schlechter kann uns der Löwe orten. Klingt logisch. Wäre trotzdem nicht meine bevorzugte Abendunterhaltung. Langsam schleichen wir weiter und erreichen schließlich unversehrt unser Zelt.
Während draußen Löwen brüllen, Hyänen lachen und Elefanten durchs die Gegend ziehen, schlafen wir ein. Irgendwann gewöhnt man sich offenbar an alles. Vermutlich sogar daran, dass man nur durch eine dünne Zeltwand von der Wildnis getrennt ist.


























